Der Salzbaron, der Bauernkönig und der Kasper
Wir beginnen unsere Erzählung mit dem Kasper, ohne auf seine Person näher einzugehen, da ja wohl Groß und Klein ihn ohnehin aus vielen Geschichten kennen.
Viele Jahre ist es nun her, dass der Kasper durch einen Freund, den Meister Eder, von einem Wettstreit erfuhr: Ein Bergwerk galt es ins rechte Licht zu setzen, kurz, es zu beleuchten.
Ein ganz spezielles Bergwerk war das, eines, in dem weißes Gold gewonnen wurde, kristallglitzerndes, funkelndes Salz. Narren und Visionäre waren für diesen Zweck gefragt. Der Kasper war begeistert und beschloss, sich an diesem Wettstreit zu beteiligen.
Also machte er sich flugs ans Werk, begann zu überlegen, Zeichnungen anzufertigen und einen großen Plan zu entwickeln: Ein Steingarten, ein Sternenhaus und ein leuchtender Kosmos sollten entstehen Geschichten in phantasievoller Art und Weise erzählt werden. Dem Kasper rauchte der Kopf.
Weiter ging es mit Schreiben, Zeichnen, Lesen und Nachforschen, Kasper traf sich mit großen Künstlern und arbeitete weiter an der Idee.
Neun Monate gingen ins Land, dann war das Werk vollbracht: Ein treffliches Modell war entstanden, in dem der Kasper seine Idee dargestellt hatte und mit dem er am Ideen-Wettstreit teilnehmen wollte.
Gesagt getan, bald war der große Tag gekommen. Alle seine Freunde, seine vielen Helfer und natürlich auch seine Großmutter wünschten dem Kasper viel Glück. Der Meister Eder war gekommen um den Kasper abzuholen. Sie wurden gebührend verabschiedet und die Reise an den Ort des Wettstreites konnte beginnen.
Die von grimmigen Bergen umgebene, geheimnisvolle Stadt Hall, welche auch als Wahlheimat des mächtigen Salzbarons bekannt ist, war das Ziel. Nach langer, anstrengender Fahrt erreichten der Kasper und der Meister Eder den sagenumwobenen Ort.
Dort waren bereits andere mit ihren Modellen, Zeichnungen und Schriften eingetroffen, bereit, ihr Bestes zu geben. Möge der Glücklichere gewinnen!
Und der Glücklichere war der Hofer. Ein in hirschlederne Hosen gekleideter Einheimischer.
So ist das eben mit dem Glück.
Zu den Preisrichtern des Wettstreits zählten ein Graf aus dem Land der Glaskristalle, der Gildenvorsteher der Reisebetreuer-Gilde des umliegenden Salzkammerlandes, der Bergvorsteher, dem auch das zu schmückende Bergwerk unterstand, der mächtige Salzbaron und sogar der Bauernkönig, der sein Domizil in Lentos kurz verlassen hatte, um im Schiedsgericht zu sitzen. War es die lange Reise, oder hatte er am Vorabend mit dem Salzbaron einen Humpen zu viel geleert: Beide, der Salzbaron und der Bauernkönig, verfolgten den Wettstreit mit geschlossenen Augen und schnarchten so was von ungeniert.
Der Meister Eder und der Kasper waren zugegeben ein wenig enttäuscht weil ihnen wohl aufgefallen war, dass es sich bei der Geschichte des Siegers um ein recht langweiliges Zwergenmärchen handelte. Auch machte sich der Kasper zum Geschnarche des Salzbarons und des Bauernkönigs so seine Gedanken, wie sorgfältig die Entscheidung dieser Preisrichter wohl gewesen sein mochte.
So traurig all das für den Kasper und die Seinen war, hier könnte die Geschichte jedenfalls zu Ende sein. Wer sagt, dass Geschichten immer ein Happy end haben müssen? Eben!
Leider aber ist unsere Geschichte hier noch lange nicht zu Ende, im Gegenteil. Noch dazu beginnt sie ab nun so richtig verhängnisvoll zu werden, und das geht so.
Einige Zeit ging ins Land und die Sache mit dem Bergwerk ging dem Kasper nicht aus dem Sinn. Was Wunder also, dass er Erkundigungen einzog, wie denn die Angelegenheit weitergegangen wäre, wie denn das Sieger-Zwergenmärchen des Mannes mit der hirschledernen Tracht den Bergleuten gefallen habe, was denn nun mit seinen, des Kaspers Entwürfen passiert sei, von denen er nur einige wenige wieder zurück erhalten hatte und so weiter und so fort …
Und siehe da, was der Kasper nun erfahren musste, blies ihm sein freundliches Kasper-Lächeln aber ganz gehörig aus dem Gesicht!
Nicht nur, dass niemand daran dachte, ihm sein Ideenmaterial wieder zurückzugeben, nein, die heimtückischen Organisatoren des Wettstreits hatten sich doch einfach die Ideen vom Kasper angeeignet und das Bergwerk danach geschmückt und gestaltet.
„Man hat mich über das Ohr gezogen!“, dachte er bei sich, „Nein, was denke ich da, man hat mich über’n Tisch gehauen, … nein, was denn, … betrogen hat man mich, ja, betrogen!“
So aufgeregt und zornig war der Kasper, dass er gar nicht gleich wusste, was er denken sollte. Tja, aber er hatte natürlich Recht: Er und der Meister Eder, sie waren betrogen worden!
Natürlich ließ der Kasper sich das nicht so einfach gefallen! Unverzüglich schrieb er an den Vorsteher des Bergwerks, was er da so in Erfahrung gebracht hatte und wie man denn nun die Verwendung seiner Idee zu entlohnen gedenke, und unverzüglich bekam er auch Antwort, worin ihm der Bergvorsteher eine Tracht Prügel in Aussicht stellte, sollte er oder einer der Seinen sich jemals wieder in der Nähe des Bergwerkes blicken lassen. Überdies würden ihn der Salzbaron und der Bauernkönig gewiss in Ketten legen lassen für diese Frechheit.
Nun ist, wie man aus vielen anderen Geschichten weiß, der Kasper ja keiner, der brav alles mit sich geschehen lässt und brav einem jeden gehorcht, bloß, weil der vielleicht ein Krönchen auf dem Kopf trägt oder ein prall gefülltes Börslein in der Tasche …
Der Kasper begann sich umzuhören, was denn im Land so erzählt würde über die Oberhäupter des Bergwerks, über den Bauernkönig und den Salzbaron. Und schau einer an, da erfuhr er doch so einiges. Er war bei weitem nicht der Einzige, der von dieser feinen Gesellschaft eingeseift, geprellt, düpiert und um einen gerechten Lohn betrogen worden war. Im Moment schien er jedoch der Einzige zu sein, der das nicht einfach so hinnehmen wollte. Alle anderen schüttelten, wenn man sie darauf ansprach, den Kopf und meinten resignierend: „Was soll man da schon machen? Die da oben richten sich’s eben. Das war schon immer so!“
Jetzt ist der Kasper aber auch keiner, der etwas gutheißt oder einfach so gelten lässt, bloß, weil es angeblich schon immer so gewesen ist. „Wenn alles so bleiben sollte, wie es ist, dann wäre ja übermorgen alles so wie vorgestern, und dann bräuchte es ja keine Kasper auf der Welt, die sich’s nicht gefallen lassen, wie der scheinbar Große mit dem scheinbar Kleinen umspringt. Denn bloß, weil ein paar wenige auf den Schultern von vielen stehen, sind die oben noch lange nicht größer.“
Der Kasper dachte so seine Kaspergedanken, suchte nach Rat und machte sich dazu auf die Reise....
Schließlich gelangte er in ein fernes Land, das von einem geheimnisvollen Adelsgeschlecht regiert wurde, den sogenannten Para-Grafen, die ihrerseits einer weisen, alten Herrscherin, der guten Frau Justizia unterstanden. In diesem von dichten Wäldern bewachsenen Gebiet begegnete er in einem dieser Para-Grafen-Dschungel einer guten Fee, die dort ein kleines gerodetes Stück Land, den Gutacht-Hof, bewohnte. Das war ein rechtes Glück für den Kasper, denn er hatte sich in diesem Dschungel in den unzähligen Lianen und Wurzeln, die sich wie Fallstricke über den Boden rankten, verfangen, rief zaghaft um Hilfe und zappelte recht kläglich mit seinen Kasperbeinen in der Luft herum. Die Fee lachte darob recht herzhaft, und von ihrem Gelächter und den Hilfeschreien des Kasper angelockt eilte ein Magier, der im benachbarten Forst, dem Rechts-an-Wald, seinen Turm hatte, herbei. Auch er konnte sich zuerst ein Lächeln nicht verkneifen. Dann aber begannen er und die Fee, den Kasper aus seiner misslichen Lage zu befreien, und sie erkundigten sich neugierig, was ihn denn in dieses Land geführt habe.
Nachdem ihnen der Kasper seine Geschichte erzählt hatte, war ihnen das Lachen gründlich vergangen. Dazu muss man wissen, dass im Land der alten weisen Gebieterin Justizia strenge Gesetzte herrschen, nach denen selbstverständlich jeglicher Diebstahl, selbst der von Ideen streng bestraft wird.
„Sapperlot!“, sagten Fee und Magier wie aus einem Mund, „Da gilt es, etwas zu tun!“
Und das taten sie dann auch.
Und weil dies ein Märchen ist, in dem Feen und Magier freilich über mächtige Zauberkräfte verfügen, schickten sie den Betrügern, die den Kasper so schändlich um seinen Ideen-Lohn betrogen hatten, gewaltige Albträume, die diese keine einzige Nacht mehr schlafen ließen, bis sie bleich und übernächtig vor das Volk hintraten und ihre Untat bekannten, worauf sie natürlich mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt wurden und seither als reuige Einsiedler ihr Dasein fristen.
Der Kasper aber kehrte zurück zu den Seinen, und da er noch nicht gestorben ist, lebt er noch heute glücklich und zufrieden.
[by Blau+Kasper/Thomae]